The Wild Wild - "Into The Sea, Into The Stars"

– Veröffentlichung 21. August 2015 –
 

„Ich fühle mich, als hätte ich schon tausend verschiedene Leben gelebt“, sagt Benjamin Dunn, und wer seinen Werdegang kennt, der weiß: Das ist untertrieben. Er war als Tramper unterwegs, reiste durch fremde Länder, campierte unter freiem Himmel, schlug sich mit Straßenmusik durch, nahm nebenbei immer wieder in verschiedenen Tonstudios auf, verliebte sich, trennte sich, entdeckte die Religion und ließ sie wieder hinter sich. Auf seinem Debütalbum Into The Sea, Into The Stars, das er unter dem Namen The Wild Wild aufnahm, erzählt Dunn nun von diesen Reisen und Trips, von den geographischen ebenso wie von den spirituellen. In der Musik zu seinen Geschichten verquickt er organische Klänge mit elektronischen Elementen, wechselt zwischen Phantasie und Ich-Perspektive und erzeugt dabei eine eklektische, kraftvolle und emotionale Mischung, die in der modernden Poplandschaft ihresgleichen sucht.

Dunns Story beginnt im Mittleren Westen genauer gesagt in Illinois, wo er mit 18 Jahren ein paar Sachen in sein Auto packt und in Richtung Westen aufbricht. „Ich hatte nicht sonderlich viel Geld oder irgendwelche anderen Besitztümer“, erklärt er. „Also bin ich einfach so weit wie möglich nach Westen gefahren, habe mein Auto in Los Angeles stehen gelassen und bin dann per Anhalter weiter. Dabei entdeckte ich eine ganze Szene von Künstlern und Kids, die als Tramper an der Westküste unterwegs waren und machte es genauso: Ich schlief an Stränden und besorgte mir mein Essen in Kirchen oder ähnlichen Orten. Wenn du allein trampst und dabei stundenlang am Straßenrand entlangläufst und auf ein Auto wartest, dann hast du viel Zeit zum Nachdenken und wirst irgendwann spirituell. Alles verlangsamt sich um dich herum und du nimmst die Dinge intensiver wahr. Manchmal kam es mir vor, als würde ich in einer Zeitlupenaufnahme leben.“

Dunn hatte auf diesen Trips seine Gitarre dabei, sodass er auf der Straße für Kleingeld auftreten und ständig neue Songs schreiben konnte. Irgendwann lernte er eine andere Tramperin kennen und ging eine Beziehung mit ihr ein. Durch eine äußerst beeindruckende Begegnung mit einer Gruppe sehr netter und liebenswürdiger Menschen in einer Kirche fand er wenig später seinen Glauben an Gott wieder und trat bald schon landaus, landein in Kirchen auf. Irgendwann reiste er sogar mit der Gitarre in der Hand zur Missionsarbeit nach Indien. Trotzdem spürte Dunn, dass er nie richtig ankommen würde.

„Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht wirklich in die Welt der Kirche hineinpasse und wahrscheinlich auch in anderen Gemeinschaften dieser Art anecken würde“, sinniert er. „Ich habe mich stets fremd gefühlt und war so anders als der akzeptierte Standard in diesen religiösen Gemeinden. Und das ist mir von Anfang an aufgestoßen. Auf der einen Seite habe ich in diesen Kirchen ein paar der aufrichtigsten, liebenswertesten und zuvorkommendsten Menschen auf der ganzen Welt kennengelernt. Andererseits traf ich aber auch äußerst verbitterte und engstirnige Vertreter.“

Da diese Erfahrung für Dunn mehr Fragen aufwarf als sie Antworten lieferte, ließ er die Kirche hinter sich. Als dann noch seine Beziehung in die Brüche ging, war er am Boden. „In meinem Herzen und meinem Kopf trage ich seit jeher diese Idee mit mir herum, was es bedeutet, ‚richtig‘ verliebt zu sein“, sagt er. „Das tut wahrscheinlich jeder. Meine damalige Beziehung ist allerdings nie an diese Vorstellungen herangekommen, und so blieb es für mich bei einem Wunschtraum. Viele von den Songs im ersten Teil der Platte behandeln diesen idealisierten Zustand – die wirkliche Liebe wie ich sie mir wünsche, auch wenn meine Erfahrung das komplette Gegenteil davon war. Wenn ich jetzt darauf zurückschaue und mir diese Songs anhöre, scheint es, als würde ich mir mit den Texten selbst versichern wollen, dass alles wieder in Ordnung kommt und gut ausgehen wird. Das Verrückte an der Sache ist allerdings, dass ich nur durch das Ende dieser jahrelangen Träumerei, in der ich meine alte Beziehung zu dem gewünschten Ideal stilisierte, diese Tür hinter mir schließen konnte, um meine jetzige Verlobte kennenzulernen, die Frau, mit der endlich alles so ist, wie ich es mir in diesen Songs erträumt habe.“

Neben der zweigleisigen Thematik der Platte,Dunn bezeichnet sie als die „zwei Jahreszeiten“ seines Lebens, bei denen auf die verträumte, mythische Welt von Into The Sea die dunkle und introspektive Seite von Into The Stars folgt – besitzt auch die Musik des Albums zwei unterschiedliche Identitäten, was sich beispielsweise in der Kombination von Vintage-Keyboards und Streichern in Dunns verträumten Soundlandschaften äußert.

„Normalerweise schreibe ich meine Songs auf einer Ukulele, einem Banjo oder einer Akustikgitarre. Manchmal fange ich aber auch einfach mit einem Synthie und den Vocals an“, erklärt Dunn. „Software oder computergesteuerte Instrumente mag ich beim Songwriting allerdings nicht. Dann schon lieber richtige Analog-Synthesizer, die so viele Klangfarben mitbringen, dass sie sich fast organisch anhören. Wenn ich Aufnahmen mache, lass ich das Band einfach laufen und schaue dann, was passt. Ich liebe ungewöhnliche Kombinationen. So mische ich schon mal eine Ukulele in einen stark synthielastigen Song um dem Ganzen eine paar erdige Nuancen zu verleihen. Selbst wenn davon später nur noch ein leichtes Summen zu hören ist, macht es den Song lebendiger. Es geht mir dabei um diesen menschlichen Touch, der ist einfach unverzichtbar.“

Angereichert mit allerlei Verweisen auf C.S. Lewis und dessen Chroniken von Narnia – die Dunns Texte ebenso beeinflussten wie die griechische Mythologie und seine Faszination für den Weltraum – vermittelt die erste Seite der Platte neben Mut und Entschlossenheit auch einen unerschütterlichen, romantischen Optimismus. So bietet Dunn in When We Were Young der Angst vorm Älterwerden die Stirn, während er in London die Kraft der Phantasie und der Selbstinszenierung heraufbeschwört. Auf der zweiten Seite allerdings weicht die kühne Abenteuerlust einer vorsichtigen Bedächtigkeit. In The Astronaut steht der Briefwechsel eines Pärchens im Mittelpunkt, von denen einer auf der Erde, der andere im Weltall ist. Ghost Of 1941 hingegen blickt durch die Augen eines tödlich verwundeten Soldaten, der sein Leben in Flashbacks vorüberziehen sieht, während Wilderness Lights beschreibt, wie ein Mensch zum ersten Mal das Feuer sieht. Trotz der relativ düsteren Stimmung auf der zweiten Seite findet sich auch in diesen Songs ein starker Funken Hoffnung, der am besten in dem Stück Alright zum Vorschein kommt. Alright ist Dunns Reminder an sich selbst und an die Welt da draußen, stark zu bleiben. Eine Fake-it-til-you-make-it-Hymne mit dem Versprechen, dass alles gut wird: All these lonely nights are through / everything’s gonna be alright.

Wahrscheinlich bringt dieser Gedanke The Wild Wild am besten auf den Punkt. Während Dunns lebendige Vorstellungskraft immer wieder neue Welten und Universen schafft, ist seinen Charakteren doch eine Sache gemein: Hier wie dort kämpfen sie sich mit erhobenem Haupt durch harte Zeiten. Die Belohnung für ihre Ausdauer sind Liebe, Abenteuer, Selbsterkenntnis – exakt die Dinge, wegen denen Dunn einst selbst in die Welt hinausgezogen ist. Nun sind es auch die Dinge, die sein Publikum erwarten darf, wenn sich der Künstler ein weiteres Mal on the road begibt, um mit seinen Songs um den Globus zu touren. Gut möglich, dass Dunn schon einige Leben gelebt hat. Das spannendste allerdings hat er gerade erst begonnen. Es heißt The Wild Wild.
 
 

Artist:The Wild Wild
Titel:"Into The Sea, Into The Stars" (CD, LP & Download)
Release Date:    21. August 2015
Label:Embassy of Music
Vertrieb:Warner