V.A. - "Welcome to the Robots"

Volume 1: The Electro Pioneers

- Veröffentlichung 25. Mai 2012 -
 

Die erste "Welcome To The Robots"-Ausgabe ist musikalisch den frühen 'Electro'-Pionieren gewidmet. Musik, die damals wie heute von eher anonymen und unbekannten Studio-Projekten fast ausschließlich für den DJ-Einsatz in speziellen Clubs produziert wurde. Produktionen, in denen es nicht um Strophen und klassische Arrangements ging, sondern um Instrumental-Stu?cke mit Stimmen und Samples, die als Sound-Effekte eingesetzt wurden. Mystische und manchmal melodienreiche Computer-Klänge im extrem tanzbaren Rhythmus waren vorwiegend die inhaltliche Aussage. Zeitlich kann man diese Periode als den U?bergang von experimentellen elektronischen Produktionen hin zu DJ- und Clubmusik bezeichnen. 'Electro' war in dieser Zeit ein reines DJ- und Clubthema.

Einsatzort war demnach fast ausschließlich das DJ-Set. Weniger Lieder, eher 'Tracks' und 'Tools' für die Clubnacht. Diese wurden schon Anfang der 80er mit Hilfe des vom Hersteller 'Technics' ein paar Jahre zuvor entwickelten Club- und DJ-Plattenspielers '1210 MK II' im gleichen Beat ineinander gemischt, so dass manchmal ein endloser Mix entstand. Ziel dieser Musikprojekte war weniger das Album mit zehn Stücken, sondern mehr die 12" Maxi-Single mit 'extended' Versionen und 'Remixen' auf der B-Seite, die noch nicht durch Dritte angefertigt wurden, sondern meist die eigene Abwandlung des Songs war. Zu dieser Musik gab es selten die klassische Single. Weder in Form noch in Spielzeit. Die Cover waren in der Regel standardisierte Loch-Cover, durch deren Öffnung man das kreisförmige Etikett sah, wobei das Image des Plattenlabels eine sehr große Rolle spielte.

Beispielhaft sollen hier erwähnt werden: 'Fuzz Dance', 'Il Discotto', 'Memory Records', 'Full Time Records' (alle Italien), '"O" Records', 'Streetwise', 'Prism', 'Sunnyview', 'Prelude' (alle USA), 'ZTT', 'Factory' (alle England), 'Rams Horn', 'Break Records', 'Injection Disco Dance' (alle Holland) und 'Rush Records', 'ZYX', 'Blow Up' (alle Deutschland).

Diese Art von Musik war allein schon durch den reinen Vertrieb an ausschließlich spezielle DJ-Plattenläden nicht im normalen Fachhandel zu finden. Demnach auch nicht in den Charts, nicht im Radio und nicht im frühen Musik-TV. Die Verbreitung dieser Musik an einen Konsumenten war mehr oder weniger fast nur durch kopierte Kassetten der DJ-Sets möglich, wovon in der "Szene" auch reger Gebrauch gemacht wurde.

Ein wirklich kommerzielles Interesse durfte also ausgeschlossen werden, und man konnte noch von einem authentischen Untergrund sprechen. Der Unterschied zwischen Kommerz und Underground definierte die Musik, die in den jeweiligen Clubs gespielt wurde. Das Image des Clubs  – (noch) nicht der DJ – war ausschlaggebend für die entsprechende Zielgruppe. Das bedeutete auch, dass man sich als Konsument noch klar abgrenzen konnte. Beispielhaft nenne ich hier ein paar der legendären, bekannten und richtungsweisenden Clubs dieser Zeit: in London der 'Blitz Club', in Paris das 'Les Bains Douches', in Frankfurt das 'Dorian Gray', in Rimini das 'L'Altro Mondo Studio' und in New York die 'Paradise Garage' oder das 'Loft'. Obwohl dieser Sound ein vorwiegend mittel- und südeuropäischer war, lief Anfang der 80er in den USA der artverwandte 'US-Electro', der im Grunde aus den Instrumental-Versionen bzw. den B-Seiten der beginnenden 'Rap'- und 'Breakdance'-Ära bestand. Dieser Sound beeinflusste viele europäische Produzenten zu ihrer Adaption des europäischen 'Club Electro', der in erster Linie auf dieser Doppel-CD zu hören ist.

Damals wie auch heute noch orientierten sich viele elektronische, kommerzielle Album- und Live Acts an den Sounds der Clubs. Dieser Einfluss ist bei fast allen späteren Synthie-Pop-Künstlern zu hören. Von den 'Pet Shop Boys' bis zu 'Madonna', alle benutzten Bestandteile der DJ-Maxis für ihre Musik und vor allem für die aufkommenden Remixe ihrer Hits. Es gab aber auch Ausnahmen, an denen sich umgekehrt die Dance-Produzenten soundlich orientierten. Vorlagen waren u.a. 'Gary Numan', 'The Human League', die schon 1978 das legendäre "Being Boiled" produzierten, die japanischen Projekte 'Logic System' und 'Yellow Magic Orchestra' oder die Schweizer 'Yello'.

Erwähnung sollten auch einige bekannte und maßgebliche Protagonisten dieser Zeit und dieses Sounds finden:

allen voran ein 'Giorgio (Hansjörg) Moroder' aus Südtirol, einer der Erfinder des Club-Grooves.

'Bobby Orlando', als Solo-Künstler bekannt unter 'Bobby "O"', parallel aber auch Produzent u.a. von 'The Flirts', 'Divine' und 1984 von "West End Girls" der 'Pet Shop Boys'.

'Mute Records'-Gründer 'Daniel Miller', der bereits 1978 mit 'The Normal' musikalisch 'Post-Punk' bzw. 'Electro' definierte, indem er mit dem Titel "Warm Leatherette" zwar in 'Punk'-Tempo produzierte, aber ausschließlich mit elektronischen Mitteln. Später nahm er u.a. 'Depeche Mode' bei 'Mute' unter Vertrag und produzierte mehrere Alben für sie.

'Trevor Horn', 1980 Gründer von den 'Buggles', die zwei richtungsweisende Alben dieser Zeit herausbrachten ("The Age Of Plastic" und "Adventures Of Modern Recording"), wobei die Titel schon fast für sich sprechen. Später gründete er in London das Plattenlabel 'Zang Tumb Tuum' ('ZTT') und produzierte Gruppen wie z.B. 'ABC', 'Frankie Goes to Hollywood', 'The Art of Noise' und 'Propaganda'.

Der Kanadier 'Denis LePage', der mit seinem Projekt 'Lime' schon 1980 aufzeigte, wohin sich der Sound nach dem Tod von 'Disco' entwickeln sollte. Auffallend für diese Zeit ist bei 'Lime' die Vielzahl der Maxi- und Remix-Versionen der einzelnen Singles.

'Tony Carrasco', Produzent u.a. von 'Klein & MBO' und 'Ris' und der deutliche Beweis dafür, dass 'Italo-Disco' nicht gleich 'Italo-Disco' war.

'Rusty Egan', Londoner DJ u.a. im 'Blitz Club', wo 'Steve Strange' Türsteher war und 'George O'Dowd' (alias 'Boy George') an der Garderobe arbeitete. Hier gingen schon 1980 alle englischen Popstars und solche, die es werden wollten oder sollten, ein und aus und holten sich Inspirationen in Sachen Musik und Mode ('Midge Ure' oder die Mitglieder der Bands von 'Spandau Ballet', 'Depeche Mode' oder 'Duran Duran'). 'Mick Jagger' wurde mangels passenden Outfits an der Tür abgewiesen. 'Egan' arbeitete u.a. auch im Londoner Plattenladen 'Cage' und gründete parallel zusammen mit Produzent 'Midge Ure' und Frontmann 'Steve Strange' die Formation 'Visage'.

'Martin Rushent', Produzent vieler 'Post-Punk'-Projekte aber im Sinne der "Welcome To The Robots"-Idee, produzierte 1981 für 'The Human League' das Remix-Album "Love and Dancing", welches in mehrfacher Hinsicht richtungsweisend war. Das gesamte Album hätte unverändert so im Club laufen können, da bei der Produktion weitestgehend auf Vocals verzichtet wurde und es außerdem ein nonstop Mix war. Hier wurde bereits die Definition des Remixes vorweggenommen und der Klang der Produktion war einzigartig.

Um das Gefühl einer damaligen Clubnacht weitestgehend authentisch wiederzugeben, ist auch die erste Ausgabe von "Welcome To The Robots" ein nonstop Mix. Allerdings nicht wie heute im Club zwangsläufig alles in 128 BPM, sondern in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und inklusive 'Breaks', wo sie sich anboten. So war es auch damals.

Die Recherche zur Titelliste dieser und zukünftiger "Welcome To The Robots"-CDs straft die allgemeine Entwicklung übrigens Lügen, dass scheinbar alles was nicht digital existiert auch generell nicht zu existieren scheint. Abgesehen davon, dass ich mehr oder weniger nur meinen eigenen Vinyl-Fundus als Basis zu Grunde gelegt habe, und ich ohne Probleme zu jedem Thema zehn CDs hätte zusammenstellen können, fiel mir überraschender Weise auf, wie viele Titel weder auf legalen noch auf illegalen Plattformen digital verfügbar sind. Diese Tatsache hat heutzutage wohl Seltenheitswert.

Vielleicht wird bei dem einen oder anderen Hörer die soundlich überraschende Verwandtschaft zur heutigen Clubmusik deutlich. Aus eigener Erfahrung bin ich mir sicher, dass nach minimalen Editierungen einzelner Tracks ein Einsatz im aktuellen 'Electro'-DJ-Set zur Folge hätte und dass das fast dreißigjährige Alter der Stücke niemandem auffallen würde.

Viel Spaß damit.

Raphael Krickow
 

 

Artist:V.A.
Album:Welcome to the Robots
Release Date:   25. Mai 2012
Label: Embassy of Music
Vertrieb:Warner
Digitalvertrieb:  Zebralution